Opel GT: Ein Sportwagen-Mythos
Der Opel GT, oft als „deutsche Mini-Corvette“ bezeichnet, ist weit mehr als nur ein Sportwagen. Er ist ein Symbol für eine Ära, in der Opel mit kühnem Design und innovativer Technik die Automobilwelt überraschte und begeisterte. Diese Geschichte des GT zeigt seinen Weg von den geheimen Anfängen bis zu seinem heutigen Status als begehrter Klassiker und Ikone des Automobildesigns.
Die Geburt eines Überraschungserfolgs: Heimliche Entwicklung
Die Geschichte des Opel GT beginnt im Verborgenen. Anfang der 1960er-Jahre, als Opel vor allem für solide, aber eher unspektakuläre Modelle bekannt war, wagte ein kleines Team von Designern unter der Leitung von Erhard Schnell einen mutigen Schritt. Ohne Wissen des Vorstands entwickelten sie im neuen Rüsselsheimer „Styling-Studio“ – dem ersten Designzentrum eines Automobilherstellers in Europa – eine aufregende Sportwagenstudie. Inspiriert wurde das Design von der amerikanischen „Coke-Bottle-Linie“. Diese Designrichtung, die an die Form einer Coca-Cola-Flasche erinnert, zeichnet sich durch eine taillierte Form mit geschwungenen Kotflügeln und einem markanten Heck aus. Der Experimental GT übernahm diese Formgebung, die später auch die Corvette C3 prägen sollte.
Die Enthüllung auf der IAA 1965
Auf der IAA 1965 in Frankfurt wurde der Experimental GT der Öffentlichkeit präsentiert – und die Reaktionen waren überwältigend. Niemand hatte einen solchen Sportwagen von Opel erwartet. Der Wagen zog sofort Vergleiche zur amerikanischen Sportwagenlegende Corvette. Publikum und Fachpresse waren gleichermaßen begeistert. Opel selbst bezeichnete den GT zunächst als reine Hochleistungsstudie, doch der enorme Zuspruch ließ eine Serienfertigung immer wahrscheinlicher werden.
Vom Prototyp zur Serie: Der Weg zur Realität
Trotz anfänglicher Zurückhaltung seitens Opel wurde hinter den Kulissen intensiv an der Serienreife des GT gearbeitet. Im 1966 eröffneten Opel-Testzentrum in Dudenhofen wurde der Prototyp auf Herz und Nieren geprüft. Dabei griff Opel auf bewährte Technik aus dem eigenen Baukasten zurück, um Entwicklungskosten zu sparen und den Preis attraktiv zu halten.
Technische Basis: Kadett B und Rekord C
Die Bodengruppe, das Fahrwerk und der 1,1-Liter-Motor stammten vom Opel Kadett B. Der leistungsstärkere 1,9-Liter-Motor wurde aus dem Opel Rekord C übernommen. Diese Strategie ermöglichte eine vergleichsweise kurze Entwicklungszeit.
Deutsch-französische Kooperation
Da Opel selbst nicht über ausreichende Produktionskapazitäten verfügte, wurde die Fertigung der Karosserie nach Frankreich verlagert. Die französischen Karosseriebauer Chausson und Brissoneau & Lotz übernahmen die Press- und Schweißarbeiten sowie Lackierung und Innenausstattung. Die Endmontage von Fahrwerk und Motor erfolgte im Opel-Werk in Bochum. Diese deutsch-französische Zusammenarbeit war ein wichtiger Faktor für den Erfolg des GT.
Design und Technik des Serienmodells
Der serienreife Opel GT, der 1968 auf den Markt kam, unterschied sich in einigen Details vom Experimental GT. Die Frontpartie wurde wuchtiger, der vordere Überhang kürzer und die Motorhaube flacher gestaltet. Die eckigen Klappscheinwerfer des Prototyps wichen runden „Schlafaugen“, die manuell über einen Hebel in der Mittelkonsole betätigt wurden. Ein weiteres markantes Merkmal war das Fehlen einer herkömmlichen Kofferraumklappe. Stattdessen befand sich am Heck ein Tankdeckel; das Gepäck musste durch den Innenraum hinter die Sitze verfrachtet werden. Auch die versteckten Türgriffe waren eine Besonderheit, die den sportlichen Charakter unterstrichen.
Die Motorvarianten: GT 1100, GT 1900 und GT/J
Opel bot den GT mit zwei Motorvarianten an: einem 1,1-Liter-Vierzylinder mit 60 PS (44 kW) und einem 1,9-Liter-Aggregat mit 90 PS (66 kW). Besonders gefragt war der GT 1900, der eine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h erreichte und in 11,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigte. Optional war für den GT 1900 eine Dreigang-Automatik erhältlich, die in Europa aber kaum Anklang fand. Vom GT 1100 wurden lediglich 3.573 Exemplare gebaut. Deutlich beliebter war der GT 1900. Ab 1971 ergänzte der GT/J (Junior) die Modellpalette – eine kostengünstigere Variante mit reduzierter Ausstattung, aber dem starken 90-PS-Motor. Insgesamt wurden 103.463 Opel GT produziert.
Sicherheit im Fokus
Obwohl Airbags und Gurtstraffer in den 1960er-Jahren noch nicht üblich waren, verfügte der Opel GT über zahlreiche Sicherheitsmerkmale, die für die damalige Zeit fortschrittlich waren. Dazu gehörten Dreipunktgurte, eine Sicherheitslenksäule, ein integrierter Überrollschutz und Seitenaufprallschutz (speziell in der US-Version).
Abmessungen und Gewicht
Der Opel GT war ein kompakter Sportwagen. Er maß 4,11 Meter in der Länge, 1,58 Meter in der Breite und nur 1,23 Meter in der Höhe. Das Leergewicht lag je nach Modell und Ausstattung zwischen 845 und 940 kg.
Erfolg, Rekorde und das Ende einer Ära
Der Opel GT wurde ein großer Erfolg, sowohl in Europa als auch in den USA, wo er als „Mini-Corvette“ gefeiert wurde. Über 60 Prozent der Produktion gingen in die USA. Der Slogan „Nur Fliegen ist schöner“ wurde zum geflügelten Wort und ist bis heute untrennbar mit dem GT verbunden. In den späten 1960er-Jahren war der Opel GT in Deutschland so beliebt, dass er zeitweise höhere Verkaufszahlen als der Porsche 911/912 erzielte.
Rekordfahrten: Elektro und Diesel
Der Opel GT war nicht nur ein sportlicher Hingucker, sondern auch ein vielseitiges Fahrzeug, das für Rekordversuche genutzt wurde. 1971 stellte ein elektrisch betriebener GT vier Weltrekorde für Elektroautos auf. 1972 brach ein Diesel-GT zwei Weltrekorde und 18 internationale Rekorde für Dieselfahrzeuge. Diese Rekordfahrten dienten auch dazu, den ersten Dieselmotor von Opel zu bewerben, der kurz darauf im Opel Rekord seine Premiere feierte.
Gründe für das Produktionsende: Ein Mix aus Faktoren
Trotz des großen Erfolgs wurde die Produktion des Opel GT im Jahr 1973 eingestellt. Mehrere Faktoren spielten dabei eine Rolle. In den USA traten neue Sicherheitsvorschriften in Kraft, die unter anderem spezielle Stoßfänger vorschrieben, die sich schwer in die Formgebung des GT integrieren ließen. Die Übernahme von Brissonneau & Lotz durch Renault und die damit verbundene Kündigung der Lieferverträge werden oft als Gründe genannt. Ein weiterer Grund war, dass die technische Basis des GT, der Kadett B, Ende der 1960er-Jahre nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik war, was Fahrwerk und Sicherheit betraf. Hinzu kam die Ölkrise, die das allgemeine Interesse an Sportwagen dämpfte.
Sondermodell Aero GT: Ein Traum blieb unerfüllt
Obwohl es den GT offiziell nie als Cabrio gab, präsentierte Opel 1969 auf der IAA die Studie Aero GT, eine Targa-Version mit herausnehmbarem Dach und versenkbarer Heckscheibe. Die notwendigen Karosserieänderungen für eine Serienfertigung hätten das Modell jedoch zu teuer gemacht, weshalb es bei zwei Prototypen blieb.
Das Erbe des Opel GT: Ein zeitloser Klassiker
Auch wenn der Opel GT nur fünf Jahre lang produziert wurde, hat er die Automobilwelt nachhaltig geprägt. Sein Design, seine Technik und sein Image als „deutsche Mini-Corvette“ machen ihn bis heute zu einem begehrten Klassiker und einer Ikone des Automobildesigns. Der Geist des GT lebte in späteren Opel-Modellen wie dem Calibra (1989), dem Tigra (1993) und dem Speedster (2000) weiter. Auch die Studie GT Concept von 2016 zeigte, dass die Faszination für den GT ungebrochen ist. Der Opel GT bleibt ein unvergessener Meilenstein und ein Symbol für eine Ära, in der deutsche Ingenieurskunst und amerikanisches Design eine aufregende Symbiose eingingen.
Der Opel GT heute
Der Opel GT ist heute ein begehrtes Sammlerobjekt. Gut erhaltene Exemplare erzielen hohe Preise. Zahlreiche Clubs und Veranstaltungen, wie das jährliche Treffen des Opel GT Club Deutschland und die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum im Jahr 2018 (mit Veranstaltungen in den USA und Deutschland), zeigen, dass das Design des Opel GT auch nach über 50 Jahren noch immer begeistert und eine treue Fangemeinde hat.